Helmut, Hüter der Moral

Vermutlich bin ich der einzige Steirer, der in Salzburg lebt und bereits von zwei Vorarlberger Physiotherapeutinnen betreut wurde. Birgitt arbeitete vor einigen Jahren nahe der Mozartstadt, Judith lernte ich bei einem Aufenthalt in einer Spezialpraxis nahe Freiburg im Breisgau kennen. Beide Damen leben mittlerweile wieder im Ländle; Judith besuche ich immer noch jährlich für eine intensive Trainingswoche, und meist geht sich dabei auch ein gemeinsamer Kaffee mit Birgitt aus.

Für die Dauer meines Aufenthalts in Bregenz quartiere ich mich stets im Gasthof Lamm ein. Das kleine, gemütliche Landhotel mit ausgezeichneter Küche liegt sowohl in der Nähe von Judiths Praxis als auch unweit vom Bodensee; weil ich meine täglichen Therapieeinheiten immer mit einem Spaziergang entlang des Ufers abschließe, eine perfekte Kombination. Mittlerweile darf ich mich Stammgast nennen, der sowohl von der Eigentümerfamilie Schenk als auch den Beschäftigten des Hauses sehr herzlich aufgenommen und bestens betreut wird.

Gleich nach meiner allerersten Ankunft an einem Sonntag im Frühling 2012 lud ich Judith zu einem gemeinsamen Abendessen im Lamm ein. Sie sagte zu, und bald saßen wir an einem kleinen Tisch im Restaurant. Am Stammtisch gegenüber saß Seniorchef Helmut, ein rundlicher Mann mit dröhnender Stimme, Almöhi-Vollbart und stets fröhlich blitzenden Augen. Diesen Augen entging nichts, wie ich bald erfahren sollte.

 Die Woche verging rasch wie alle Wochen in Deutschland zuvor. Wenn der Fokus auf Trainieren liegt, bleibt neben Essen und Schlafen kein Platz übrig. Entsprechend schnell war der Freitag da, und ich verabschiedete mich aus Judiths Praxis bis zum nächsten Jahr. Wieder konnte ich ein paar kleine Fortschritte verbuchen, über die ich mich ebenso freute wie über ein Treffen mit Birgitt, die ich zu meinem letzten Frühstück ins Hotel eingeladen hatte.

Kaum hatte die zierliche Frau am folgenden Morgen neben mir Platz genommen und ihren Kaffee bestellt, bemerkte uns Seniorchef Helmut vom Stammtisch aus. Er hob grüßend den Arm, dröhnte ein "Guten Morgen!" und hielt dann inne, um genauer hinzuschauen. Was er sah, irritierte ihn augenscheinlich so sehr, dass er der Sachlage sogleich auf den Grund gehen musste. Helmut kam an unseren Tisch, beugte sich zu Birgitt und sagte mit einer Stimme, die in der fragwürdigen Mitte zwischen Verschlagenheit und Flüstern lag: "Sie sind aber nicht die Gleiche wie am Sonntag."

Mein Gehirn verwandelte sich von einer Sekunde auf die nächste in eine wortfreie Zone, so perplex war ich. Nicht einmal das naheliegende "Ich wüsste nicht, was Sie das angeht", fiel mir ein. Birgitt aber hatte einen unfehlbaren Sinn für die Situation. Sie strahlte Helmut mit dem süßesten Lächeln an und erwiderte: "Ich bin die andere Physiotherapeutin von Herrn Glanz." Diese Antwort schien für den alten Mann nachvollziehbar; er wünschte Birgitt einen guten Appetit und ging wieder an seinen Platz zurück.

 Als ich mich später von Helmut verabschiedete, konnte ich mir eine Frage beim besten Willen nicht verkneifen: "Haben Sie schon früher einmal jemanden so direkt angeredet wie vorher? Das könnte doch peinlich enden, oder?"

"Ist eh schon passiert", antwortete er mit einem verschmitzten Lachen. An seinen Augen sah ich, dass es der Spaß in jedem Fall wert gewesen sein musste.

Auf meiner Heimfahrt zog ich in Gedanken meinen Hut vor diesem wahren Hüter der Moral. Wer austeilt, muss auch einstecken können – Helmut weiß das.

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